In diesem Text, einem Beitrag des ehemaligen Schulleiters G.Kampfer zur ersten Fassung unserer Homepage, wird die Entwicklung der Norderneyer Schulen seit dem Beginn des Schulwesens bis zur Einführung der KGS dargestellt.
Kleine Norderneyer Schulgeschichte
Es ist erstaunlich, daß das erste Norderneyer Schulgebäude bereits im Mai 1704 errichtet wurde, denn damals lebten erst rund 250 Menschen auf der Insel. Wahrscheinlich war jedoch der Platz für den Unterricht im Pfarrhaus etwas zu eng geworden, denn damals gehörte es zu den Aufgaben des Pastors, die Kinder in Religion, Lesen, Schreiben und Rechnen zu unterrichten. Die Insulaner lebten von Fischerei und Schiffahrt und waren nicht alle überzeugt vom guten Zweck des neuen Gebäudes. So rügte kurz darauf Graf Christian Eberhard, daß die Norderneyer
1848 unterrichtete auf der Insel Claas Hohlen, der angesichts von 127 Schülern keinerlei Ferien einhielt und auf eigene Rechnung einen Hilfslehrer einstellte, jedoch bei einer Schulrevision furchtbar scheiterte. So mußte der Pastor auf die Frage nach dem Lernstand der Schuljugend anschließend zugeben:
Die Schülerzahlen stiegen explosionsartig, mehrere Lehrer mußten her, und 1887 wurde gegen den erbitterten Widerstand der Volksschullehrer eine Mittelschulklasse gebildet. Volksschulleiter Eilts erklärte öffentlich, daß er und seine Kollegen alle Kräfte anstrengen würden, die Mittelschule nicht hochkommen zu lassen. Sie müßten ja keine rechten Volksschullehrer sein, wenn sie das nicht täten. Die Mittelschule sei nur ein "Abfuhrplatz für untaugliche Elemente." Er hatte zunächt Erfolg, denn 1890 hatte die Mittelschule nur noch sechs Schüler. Die Regierung faßte beide Schulen daraufhin zusammen und stellte sie unter die Leitung des Mittelschulrektors Volkmann aus Brandenburg.
Um
1900 gab es bereits 700 Schüler auf Norderney - 200 mehr
als heute. Ein neues, großes "Centralschulgebäude" war errichtet
worden - aber es waren auch mehrere "Höhere Privatschulen"
gegründet worden, die sich alle gegenseitig Schüler abwarben.
Ein Ministerialbeamter bezeichnete die Schulsituation auf Norderney als
"Krieg an allen Fronten".
Auf dem Höhepunkt der Norderneyer
Schulkrise starb Rektor Volkmann. Sein Nachfolger Jann Berghaus aus Aurich
wurde zur überragenden Figur der Norderneyer Schulgeschichte. Er kam
1903, gliederte sämtliche Privatschulen in seine Schule ein, verfaßte
nebenbei ein Lesebuch, gründete zusammen mit anderen Norderneyern
eine Reederei, wurde 1910 in den Gemeinderat gewählt und 1918 Bürgermeister.
Als er 1922 sogar Regierungspräsident wurde, erkannten die Norderneyer
seine große Bedeutung und gaben der größten Straße
im Ort den Namen "Jann-Berghaus-Straße". Damit dürfte Norderney
wohl die einzige Stadt in Deutschland sein, die ihre Hauptstraße
nach einem Pädagogen benannt hat.
Jann Berghaus
1932 wählten viele Norderneyer die NSDAP. Jann Berghaus redete seinen Norderneyern noch einmal ins Gewissen:
Auch Rektor Sander, der seit 1918 Schulleiter war und sich für neue, demokratische Ideen wie die Elternmitbestimmung einsetzte, kämpfte vergeblich gegen das drohende Unheil und mußte 1934 in einem Brief eingestehen: "Schade, schade! Es ist vorbei. Was soll nun weiter werden?" Er starb 1936. Sein Nachfolger, Hans Bandlow aus Pommern vollzog die Trennung der Mittelschule von der Volksschule.
Bei Kriegsausbruch fand sich Bandlow in der Schreibstube eine Kavallerieregiments wieder, und gegen Kriegsende wurden sogar seine Schüler für kriegswichtige Tätigkeiten eingesetzt: Die Mädchen sammelten kiloweise Heilkräuter und die Jungen betätigten sich als Marinehelfer und bei Schanzarbeiten auf dem Festland. Mit Kriegsende schwappte eine Welle von Flüchtlingen auf die Insel, die über keinerlei landwirtschaftliche oder industrielle Ressourcen verfügte. Eine unvorstellbare Not war die Folge. Weil sie keine Schuhe mehr hatten, kamen Lehrer und Schüler im Sommer barfuß zur Schule und blieben im Winter zu Haus. Dann ging es langsam bergauf.
Während
die Volksschule im alten "Zentralschulgebäude" blieb, zog die Mittelschule
1952 um in eine ehemalige Luftwaffenkaserne, dem neuen "Schulzentrum an
der Mühle", und nahm 1966 die neue Bezeichnung "Realschule" an.
Die Jahrgänge 1 bis 4 der Volksschule wurden zur neuen "Grundschule",
die Jahrgänge 7 bis 9 wurden zur "Hauptschule" und zogen gleichfalls
um in das Schulzentrum, in dem sich 1973 aus allen Schülern der Jahrgänge
5 und 6 die neue "Orientierungsstufe" bildete. Das Kasernengebäude wurde um zwei Neubautrakte erweitert.
Die drei Schulen waren zunächst selbstständig und hatten alle einen eigenen Schulleiter. Dies hatte beträchtliche Nachteile, denn jede Schule hatte eine eigene Meinung über die Pausenzeiten, ihre eigene Gesamtkonferenz und man konnte die Lehrer nicht alle aufteilen. Also wurden die OS, die HS und die RS 1979 zu einer "Haupt- und Realschule mit Orientierungsstufe" (HROS) zusammengefasst. Schulleiter wurde der Realschulrektor Georg Kampfer.